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von Tom Dauer
26. Jul 2022 - 4 min Lesezeit

Kolumne: Menschen und Massen

In den Bergen unterwegs zu sein, ist gut für mich. Nicht in den Bergen unterwegs zu sein, ist gut für andere und die Natur ganz allgemein. Was also soll ich tun? Wie soll ich mich verhalten – meinen Mitmenschen und der Berg-Natur-Kultur-Landschaft gegenüber?

Ein für seine vogelwilden Big-Wall-Abenteuer berühmt-berüchtigter, bedingungslos auf seine Unabhängigkeit bedachter Kletterer antwortete auf meine Frage, warum er keine Kinder wolle und ob er generell etwas gegen Nachwuchs habe, einst mit dem Bonmot: „Ich mag Kinder – am liebsten gut gesalzen und mit viel Salat.“ Dabei verzog er sein Gesicht zu einer diabolischen Fratze, und hätte ich nicht gewusst, dass sich unter rauer Schale ein weicher Kern verbarg, mir wäre angst und bange geworden.

Ich selbst würde von mir behaupten, dass ich Menschen – abgesehen von Familie und Freunden – nicht unbedingt zum Fressen gern habe. Vor allem dann nicht, wenn ich gerne für mich wäre: zum Beispiel auf Skitour, in einer alpinen Wand, an sonnigem Felsen, auf irgendeinem Gipfel. Ich wage zu behaupten, dass ich mit meinem egoistischen Wunsch, nämlich das, was ich liebe, nicht teilen zu wollen, nicht alleine bin.

Es mag ja menschlich sein, unschön ist es trotzdem, jemand anderem etwas nicht zu gönnen, was man selbst gerne genießt.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Menschen, die gerne Gesellschaft haben, immer und überall. Aber Hand aufs Herz: Wer hat sich nicht schon mal geärgert, in aller Herrgottsfrühe aufgestanden zu sein, um spätestens am Einstieg festzustellen, dass sich drei andere Seilschaften, so nett sie auch sein mögen, auf just dieselbe Route freuen, die man an diesem Tag gerne sein Eigen genannt hätte? Ich gebe zu, dass ich diesen missgünstigen Affekt kaum unterdrücken kann, mich aber gleichzeitig für ihn schäme. Es mag ja menschlich sein, unschön ist es trotzdem, jemand anderem etwas nicht zu gönnen, was man selbst gerne genießt.

Das Einfachste wäre, sich dem Grant – bairisch für Verdrießlichkeit, schlechte Laune, Gereiztheit – einfach hinzugeben. Soll ruhig jede und jeder mitkriegen, dass mir ihre und seine Anwesenheit nicht taugt. Dass sie/ er fehl am Platze ist. Dass ich seit Jahrzehnten in diesen Bergen unterwegs bin und deshalb qua Gewohnheit mit mehr Recht. Ist doch so, schließlich war ich vor den ganzen Massen da, die das Berggehen inzwischen für sich entdeckt haben …

Menschen zu Sonnenuntergang am Gipfel des Patscherkofel, Tirol. Foto: Simon Schöpf
Menschen / Massen am Berg? (Foto: Simon Schöpf)

Aber ehrlich gesagt, zum ewigen Grantler möchte ich nicht werden. Und überhaupt, was stört mich eigentlich so? Was ist eine Masse? Die vielleicht klügste Antwort auf diese Frage formulierte der britische Kulturtheoretiker Raymond Williams. In seinem 1958 erschienenen Essay „Culture and Society“ schrieb er:

„In unserer Gesellschaft sind wir umgeben von anderen, in mannigfaltiger Variation; wir stehen förmlich neben ihnen. Sie sind hier, und wir mit ihnen. Dass wir Teil des Ganzen sind, erklärt das Dilemma.

Für die anderen sind wir die Masse. Und Masse sind immer die anderen.“ Daraus schlussfolgerte Williams: „Es gibt keine Massen, nur Arten und Weisen, Menschen als Masse zu betrachten.“ Das ist ein spannender Ansatz, der unsere heimlichen Ressentiments gegenüber anderen Bergmenschen als das entlarvt, was sie sind: Ausdruck der Illusion, wir könnten die Welt um uns herum betrachten, als seien wir kein Teil von ihr. Als schwebten wir irgendwie über den Dingen. Als ginge uns das alles nichts an. Als trügen wir selbst keine Verantwortung dafür, was in und mit den Bergen passiert. Williamsʼ Analyse fordert einen Perspektivenwechsel heraus.

Statt die Nase über Massentourismus, Massenmedien oder Massenproduktion zu rümpfen, sollten wir uns an die eigene fassen und eingestehen, dass es ohne uns keine Masse und keine Masse ohne uns gibt. Vielleicht ermöglicht uns diese Einsicht die Möglichkeit, den anderen um uns herum so zu begegnen, wie wir selbst gerne aufgenommen werden möchten. Mit Freundlichkeit nämlich, Herzenswärme, Verständnis und ja, Liebe. Raymond Williams schrieb zeit seines Berufslebens gegen den Dünkel an, mit dem vermeintlich kompetente Kreise auf die sogenannte Populärkultur herabblicken.

Seine Überzeugung war, dass die massenhafte Verbreitung eines Werkes nichts über dessen Qualität sage. Diese müsse anhand anderer Maßstäbe beurteilt werden. Analog dazu sollten wir in der Diskussion zwischen Naturschützern und Naturnutzern – die Grenzlinien zwischen den Lagern sind ja ohnehin sehr durchlässig – darauf verzichten, eine „Masse“ anhand einer Anzahl an Menschen zu definieren. Erst dann können wir uns darüber unterhalten, wie viele Menschen, wie viele Ichs die Berge vertragen.

Erschienen in der
Ausgabe #118 (Frühling 22)

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