bergundsteigen 120 Cover
Magazin Abo
Expedition Bergpanorama Grönland
08. Nov 2022 - 21 min Lesezeit

LVS-Geräte-Test 2022

Vor mittlerweile zehn Jahren wurde der LVS-Test der DAV-Sicherheitsforschung das letzte Mal vollumfänglich an dieser Stelle abgedruckt. Zeit also, die Neuerungen auf dem Markt und Charakteristika der gängigsten Geräte vorzustellen.

Erfreulicherweise sind keine 1- oder 2-Antennen-Geräte mehr erhältlich, und im Sinne eines neuen Sicherheitsdenkens ist es auch nicht mehr schick, ohne vollständiger Lawinen-Notfallausrüstung abseits der gesicherten Pisten unterwegs zu sein. Was hat sich also getan? Ist das eigene LVS-Gerät noch aktuell, welche Ergebnisse erzielt es in den wesentlichen Kategorien? Und lohnt sich evtl. auf die kommende Saison hin eine Neuanschaffung? Nach der Lektüre des Artikels und dem Studium der Übersichtstabelle sollte jede*r Leser*in diese Fragen hoffentlich für sich selbst beantworten können.

DAV Sicherheitsforschung
Testalltag am Schachbrettl in der Leutasch. Foto: DAV Sicherheitsforschung

Lawinengröße, Suchstreifenbreite

Typische Lawinengrößen, die Freizeitsportler betreffen, reichen von rund 4000 bis 10000 m2 (Genswein & Eide, R. 2009). Möchte man ein typisches Lawinensuchfeld, also den primären Suchbereich unterhalb des sogenannten Verschwindepunktes daraus ableiten, dann ergibt sich eine Größe von rund 50 x 50 m. Die meisten Hersteller geben für ihre Geräte eine Suchstreifenbreite von 50 m aufwärts an. Was auf dem Papier einfach klingt, entpuppt sich in der Realität schnell als schwieriges Unterfangen:

Menschen können waagrecht Distanzen häufig nur leidlich schätzen und verlieren bei zu großen Suchstreifen leichter den Überblick. Die deutschen ausbildenden Alpinsportverbände empfehlen deshalb, die Suchstreifenbreite anhand der örtlichen Gegebenheiten und der zur Verfügung stehenden Ressourcen ((Wo-)Manpower) auszuwählen. Mindestens 20 m und bei wenigen Suchenden oder sehr großem primären Suchbereich kann diese bis maximal zur Herstellerangabe erweitert werden. Kennen Sie auf Anhieb die empfohlene Suchstreifenbreite Ihres Gerätes? Und wissen Sie, was dieser Abstand in der Natur bedeutet?

bergungsteigen #120: Generation Zukunft
Der LVS-Geräte-Test im bergungsteigen #120

Verschüttungstiefen, -dauer und Mehrpersonen-Verschüttung

Die mediane Verschüttungstiefe beträgt basierend auf Untersuchungen von Fällen aus der Schweiz 80 cm (Haegeli et al. 2011) und besitzt alpenweit Gültigkeit. Dieser Wert ist geringer für die ganzverschütteten Überlebenden (50 cm) und höher für die Verstorbenen (100 cm) (Rauch et al. 2020). Bei Lawinenunfällen kommen somit weniger tiefe und tiefe Verschüttungen gleichermaßen vor. Weil bei tiefen Verschüttungen Schwächen bezüglich der genauen Lage des Senders unterhalb des empfangenen Geräts sowie das Vorhandenseins eines größeren Bereichs des minimalen Anzeigewertes deutlicher zutage treten, haben wir diese in der Feinsuche ebenfalls getestet.

Sie stellt jedoch einen Extremfall in einer ohnehin bereits extremen Situation dar. Die Feinsuche mit dem LVS-Gerät ist bei Verschüttungstiefen über 1,5 m noch das geringere Problem! Personen, die innerhalb der ersten 15 Minuten nach Verschüttung ausgegraben wurden, überlebten einen Lawinenabgang mit Ganzverschüttung zu 85 bzw. 90 % (Procter et al. 2016). Aus Feldversuchen von Genswein & Eide 2009 ist erkennbar, dass auf einem durchschnittlichen Suchfeld bereits 4 Minuten vergehen, bis die Suchphasen Signalsuche bis Feinsuche (50 % davon Feinsuche!) beendet sind.

Noch einmal 3,5 min kommen durch das Sondieren hinzu. Es bleibt also nicht mehr viel Zeit für das Sammeln und Organisieren sowie das Ausschaufeln und Bergen! Gut, wenn man also mit dem eigenen LVS-Gerät vertraut ist und es in den Suchphasen ohne Macken funktioniert. Die Mehrpersonen-Verschüttung (MPV) ist nach wie vor ein zentraler Bestandteil des Tests. Schweizer & Techel 2017 nannten bei tödlichen Unfällen in der Schweiz im Zeitraum der vorangegangenen 20 Jahre einen Anteil von 27 % mit mehr als einer ganz verschütteten Personen.

Das größte Problem auf technischer Seite stellen dabei MPV auf engem Raum dar (Genswein & Harvey 2002). Das hat auch heute noch Gültigkeit. In der Ausbildung sollten ab einer gewissen Könnensstufe (fortgeschrittene Anwenderinnen bis Mulitplikator innen) verschiedene Szenarien geübt und beherrscht werden – das Orten und Ausschaufeln (!) von 1 und 2 Sendern innerhalb der Überlebenskurve ist jedoch für die breite Masse am wichtigsten.

So haben wir getestet

Sicherheitsforschung DAV
Sicherheitsforschung DAV

Der LVS-Test der DAV-SiFo wurde über die Jahre kontinuierlich angepasst mit Fokus auf Objektivität und Praxistauglichkeit. Unser LVS-Test ersetzt jedoch keinesfalls umfangreiche Untersuchungen der Hersteller wie z. B. die Ermittlung der empfohlenen Suchstreifenbreite nach der IKAR-Empfehlung sowie die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Gerät! Gegenstand der Untersuchung waren Geräteeigenschaften, die überwiegend vom LVS-Gerät und nicht von der suchenden Person abhängen. Das sind die drei Suchphasen Signalsuche, Grobsuche und Feinsuche sowie drei Mehrfachverschüttungs-Szenarien (siehe Übersichtstabelle).

Zusätzlich wurde die Gruppencheckfunktion und Benutzer*innen-Freundlichkeit überprüft und verbal bewertet. Die Reichweitentests fanden im Frühwinter 2021/22 bei geschlossener Schneedecke im Ehrwalder Talkessel statt, alle weiteren im Spätwinter in der Leutasch (beides Tirol), ebenfalls bei 40-50 cm Schneeauflage. Die einzelnen Testanordnungen wurden fernab von externen Störeinflüssen (z. B. Handys, aber auch Stromleitungen oder unterirdische Kabel) auf ebenem bzw. nur sanft ansteigendem Gelände (~ 6°) durchgeführt. Es wurde stets ein Geräteparameter nacheinander bei jedem Gerät getestet, sodass die Auswirkung von äußeren Einflüssen auf das Ergebnis eines bestimmten Kriteriums (z. B. Grobsuche) weitestgehend dieselben blieben.

Signalsuche

Im Test wurde die Reichweite in allen Koppellagen (x-, y- und z-Lage) gemessen. Die Ausrichtung der Sender wurde entsprechend der zu bestimmenden Reichweite für jede Lage gewechselt. Zudem erfolgte die Annäherung bis zum Erstempfang für die Ermittlung der z-Lage bei um 90° in der Waagrechten gedrehtem Empfangsgerät (siehe Abb. 1). Die Annäherungsgeschwindigkeit an den Sender erfolgte mit <1m/s. Als stabil wird ein Signal bezeichnet, wenn mindestens 10 Pulse hintereinander empfangen werden konnten. Mindestens drei Messungen wurden gemittelt.

Abb. 1 Die maximale Reichweite mit stabilem Empfang wurde in den drei Koppellagen gemessen: co-axial, gedreht um 90° und „worst-case“ vertikaler Sender mit gedrehtem Suchgerät (x-, y-, z-Lage).
Abb. 1 Die maximale Reichweite mit stabilem Empfang wurde in den drei Koppellagen gemessen: co-axial, gedreht um 90° und „worst-case“ vertikaler Sender mit gedrehtem Suchgerät (x-, y-, z-Lage).

Grobsuche

Hier kam der sog. Schachbretttest in Form eines liegenden „T“ zur Anwendung. Der Sender wurde mit einem seitlichen Versatz von 25 m entlang der Basislinie (waagrechter Ast des T) je zweimal waagrecht und zweimal senkrecht positioniert (Abb. 2 und auch Abb. 5). Die Probanden wussten nicht, ob das Empfangsgerät waagrecht oder senkrecht lag, und ob der linke oder rechte Ast aktiv war. Die Annäherung des Empfangsgeräts erfolgte „von unten“ und mit einer Geschwindigkeit von 1,5-2 m/s. Ab einem stabil verfolgbaren Signal verließ der Proband die Null-Linie und folgte dem Richtungspfeil des Geräts bis in den Nahbereich (3-5 m). Konnte beim 25 m-Versatz kein verfolgbares Signal empfangen werden, wurde der Versatz schrittweise um 5 m nach innen verkürzt, bis die Kriterien vollständig erfüllt werden konnten (klare und eindeutige Richtungsinfo sowie schnelle und direkte Annäherung möglich). Bei Sprüngen, kurzen Aussetzern, aber dennoch möglicher Annäherung, waren die Kriterien teilweise erfüllt.

Bei den Tests zur Grobsuche wurde der seitliche Versatz x zum Sender variiert. Qualitativ zu sehen: Direkte und gute Annäherung abhängig von den Feldlinien an einen waagrechten und senkrechten Sender.
Abb. 2 Bei den Tests zur Grobsuche wurde der seitliche Versatz x zum Sender variiert. Qualitativ zu sehen: Direkte und gute Annäherung abhängig von den Feldlinien an einen waagrechten und senkrechten Sender.

Zusammengefasst wurde die Bewertung folgendermaßen:

Bewertung Testergebnisse LVS-Test

Feinsuche

Für die Feinsuche wurden die LVS-Geräte in den Szenarien i) durchschnittlicher Verschüttungstiefe von 0,8 m mit waagrechtem Sender und ii) tiefer Verschüttung bei 1,5 m und 2,5 m mit waagrechtem und senkrechtem Sender, hinsichtlich der folgenden Kriterien getestet und bewertet:

  • Lage des minimalen Anzeigewertes unter dem Sender
  • Größe des Bereichs, in dem der kleinste Anzeigewert (Distanzminimum) angezeigt wird
  • Abweichung der realen Verschüttungstiefe vom Anzeigewert
  • Umschalten in den Feinsuchmodus und Ausblenden der Richtungspfeile
  • Stabilität der Anzeigewerte beim Drehen des Gerätes

Eine zusätzliche Bewertung hinsichtlich der Unterstützung der Geräte in der Feinsuche wurde anhand der Aspekte Schnelligkeit und Klarheit der Anzeige sowie akustische und optische Hilfen beim Auskreuzen durchgeführt.

Mehr-Personen-Verschüttung (MPV)

Im Test ist dieses Suchszenario die komplexeste Bewertungskategorie. Die Geräte wurden deshalb in drei verschiedenen Szenarien und mit mehreren Wiederholungen getestet.

Im ersten Szenario mussten zwei Sender im Abstand von 90 Meter entlang einer Geraden – die Signale überlagerten sich hierbei also nicht – gesucht werden. Konnte der zweite Sender empfangen werden, nachdem der erste markiert wurde? In vorangegangenen Tests wurden nach dem Markieren bei manchen Geräten auch alle weiteren Sender unterdrückt – heute ist dies bei keinem der getesteten Geräte mehr ein Problem.

Im zweiten Szenario überlagern sich die Signale von zwei Sendern, die nur 15 m voneinander entfernt sind. Der erste liegt in x-Lage, der zweite um 90° gedreht in y-Lage. Entscheidend war, zu welchem Zeitpunkt der zweite Sender auf dem Display des empfangenden Geräts erschien und wie die Heranführung an das zweite Geräte war.

Im dritten Szenario mussten drei nah beieinanderliegende, sich überlagernde Sender erkannt, gefunden und markiert werden. Zwei Sender befanden sich im Umkreis von zwei Metern zueinander in einem Cluster, ein weiterer in ca. 7 m Entfernung in einem anderen Cluster. Insgesamt gab es drei Cluster, in denen diesem Grundmuster folgend die drei Sender ohne Wissen der Probanden versteckt waren. (Abb. 3)

Drei nah beieinanderliegende Sender.
Abb. 3 MPV-Szenario: Drei nah beieinanderliegende Sender.

Bewertet wurde, wie zuverlässig und zu welchem Zeitpunkt alle Sender erkannt wurden (Erkennen). Die zweite Bewertungskategorie war das Lösen der Situation (Markieren und Verfolgen). Funktionierte das Ausblenden (Markieren) des/r vorangegangenen Sender(s) zügig und war dies von Dauer? Ist anschließend eine direkte Verfolgung des nächststärkeren Signals möglich?

Gruppencheck

Mit einer Ausnahme verfügen mittlerweile alle Geräte über den sog. Gruppencheck. Getestet wurde das korrekte Identifizieren von zwei Sendern in normalem Abstand und danach von zwei sehr nah (<1 m) beieinanderliegenden Sendern. In einem weiteren Test wurde je ein Sender, der außerhalb der Normfrequenz (457,1kHz) sendet, überprüft, wie auch einer, der mit 1300 ms Periodendauer an der Grenze der Norm sendet. Erkennt das Gerät die abweichenden Sender auch korrekt?

Wichtigstes Kriterium beim Check der nicht fehlerhaften Sender war die eindeutige Unterscheidbarkeit der sendenden Geräte. Die Unterscheidbarkeit wurde als eindeutig erklärt, wenn über den Anzeigewert oder ein akustisches Signal im Nahbereich die Rückmeldung erfolgte, dass auch genau das zu überprüfende Gerät das gerade empfangene Signal aussendet.

Usability

Wie praxistauglich, intuitiv oder komfortabel ist die Bedienung des Gerätes im alltäglichen Gebrauch? Dafür wurden zu jedem der getesteten Geräte verschiedene Punkte zur Gebrauchstauglichkeit geprüft. Die wichtigsten Auffälligkeiten oder nützliche Funktionen sind in der jeweiligen Gerätebeschreibung festgehalten. Diese sowie eine ausführliche weitere Beschreibungen des Test sind unter www.alpenverein.de zu finden.

Achtung! Immer wieder sind auch LVS-Geräte von Überprüfungsaufrufen/Rückrufen betroffen. Informationen auf dem neuesten Stand auf der Seite des Alpenvereins.

Reichweite und Grobsuche: Ergebnisse und Erkenntnisse

Aus den anfangs gemachten Erläuterungen zu Suchstreifenbreite lässt sich die Reichweite eines LVS zwar als eine zentrale Größe vermuten, allerdings ist sie nur ein Puzzlestück für eine rasche Kameradenrettung neben einigen weiteren. Ein frühes und stabiles Signal fördert jedoch eine rasche Annäherung an den Nahbereich der verschütteten Person(en) und ist für eine schnelle Ortung jedenfalls zweckdienlich. Die Reichweite nimmt bei allen Herstellern von der x-, über die y- bis hin zur z-Lage um mindestens knapp die Hälfte ab. Die schlechtestmögliche Koppellage (z-) kommt in der Praxis – wenn überhaupt –äußerst selten und kurz vor.

Abb. 4 Gemittelte Reichweiten in x- und z-Lage der einzelnen getesteten LVS-Geräte. Dargestellt sind der Erstempfang und der stabile Empfang sowie der Unschärfebereich dazwischen, der immer wieder durch Signalverluste geprägt war.
Abb. 4 Gemittelte Reichweiten in x- und z-Lage der einzelnen getesteten LVS-Geräte. Dargestellt sind der Erstempfang und der stabile Empfang sowie der Unschärfebereich dazwischen, der immer wieder durch Signalverluste geprägt war.

Von der besten, der co-axialen (x-)Koppellage, kann man aber ebenfalls nicht ausgehen. Relevant ist natürlich die Lage der verschütteten Person bzw. des Gerätes. Durch die ständige Bewegung der suchenden Person und dem Auf und Ab am Lawinenkegel ändert sich aber auch zwangsläufig die Lage des Senders zum Empfänger und es kommt zu einer Vermischung der Werte. Dennoch sind das Erfassen der stabilen Reich- weite in den drei Koppellagen im Test für die Signalsuche sowie der seitliche Versatz bei der Grobsuche wichtige Qualitätskriterien. Interessant: schaffen es einige Geräte recht schnell ein Signal zu empfangen und dies auch stabil zu behalten, irrt man bei manch anderem Gerät in einer mehr oder weniger großen Zone, in dem es nach frühem Erstsignal immer wieder zu Signalverlusten kommt (Abb. 4).

Gute LVS-Geräte zeichnen sich bei der Heranführung an den Sender durch konstant abnehmende Anzeigewerte und eine zuverlässige, eindeutig verfolgbare Richtungsanzeige aus. In den Tests zur Grobsuche traten im Fernbereich generell und vor allem bei senkrechtem Sender deutliche Unterschiede zwischen den Geräten zutage – im Nahbereich (zwischen ~ 20m AW bis zum Beginn Umschalten in der Feinsuche) funktionierten die Geräte in Abhängigkeit der spezifischen Reichweite größtenteils zuverlässig (Abb. 5).

Aufbau und Ergebnisse des Tests bei senkrechtem Sender zur Ermittlung des maximalen seitlichen Versatzes in der Grobsuche. Die rote Linie mit Kreis am Ende bildet einen Durchgang eines Geräts bei 15 m Versatz mit schlechter Heranführung und Signalverlust ab. In orange und dunkelrot ist jeweils ein LVS-Gerät, bei dem zuerst falsch abgebogen wurde, aber nach kurzer Zeit die Richtungskorrektur zum Sender hinführte (Aufnah-men und Wegführungen der einzelnen Durchgänge wurden mit einer Drohne aufgenommen, Copyright Sifo).
Abb. 5 Aufbau und Ergebnisse des Tests bei senkrechtem Sender zur Ermittlung des maximalen seitlichen Versatzes in der Grobsuche. Die rote Linie mit Kreis am Ende bildet einen Durchgang eines Geräts bei 15 m Versatz mit schlechter Heranführung und Signalverlust ab. In orange und dunkelrot ist jeweils ein LVS-Gerät, bei dem zuerst falsch abgebogen wurde, aber nach kurzer Zeit die Richtungskorrektur zum Sender hinführte (Aufnahmen und Wegführungen der einzelnen Durchgänge wurden mit einer Drohne aufgenommen, Copyright Sifo).

LVS Geräte 2022: Gerätecharakteristika

Arva Neo BT Pro (Software 1.1)

LVS-Gerät: Arva Neo BT Pro
LVS-Gerät: Arva Neo BT Pro

Der französische Hersteller gibt für sein neues Top-Gerät Neo Pro mit App-Konnektivität und optionalem Analogton 80 m (!) Suchstreifenbreite an. In der Grobsuche treten deutliche Unterschiede zwischen waagrechtem Sender (sehr gut) und senkrechtem (noch akzeptabel – kurze Signalverluste inklusive) auf. Achtung: Gefasst sein auf große Sprünge beim Übergang Grobsuche – Feinsuche!

In der Feinsuche ist schnelles Einkreuzen möglich, auch bei einer tiefen Verschüttung. Bei letzterer und senkrechtem Sender jedoch relativ großes Plateau des kleinsten Anzeigewertes sowie allgemein kleinere Sprünge in den Distanzwerten auch beim Drehen des Geräts. Bei der MPV zeigt es eine gute Performance vor allem beim Markieren und Verfolgen. Der Gruppencheckmodus gefällt ebenfalls; etwas mühsam ist der sehr lange Selbstcheck nach dem Einschalten.

BCA Tracker 4 (Software 6.4)

Die neue Generation des Trackers bleibt ihrer Linie treu. Stärken sind die schnelle Signalverarbeitung und das gute Abschneiden in der Feinsuche, Schwächen das Auffinden von senkrechten Sendern und der starke Abfall der Empfangsreichweite mit beachtlichen 79 % von der z- im Vergleich zur x-Lage. Beim Drehen des Empfängers in koaxiale Lage relativierte sich dieser Wert jedoch etwas. Ein Grund, wieso wir den Schluss ziehen, das Tracker4 in der Signalsuche womöglich zu schwenken. In der Grobsuche bei waagrechtem Sender gut, bei senkrechtem jedoch problematisch aufgrund des geringen möglichen seitlichen Versatzes, kurzen Signalverlusten und größeren Distanzsprüngen.

Im Nahbereich keinerlei Probleme, genausowenig wie in den meisten Bereichen der Feinsuche: Das angezeigte Distanzminimum wurde bei der durchschnittlichen Verschüttung innerhalb eines Radius von nur 25 cm angezeigt. Die sofort ausgegebenen Anzeigewerte sowie die akustische Unterstützung erlauben ein zügiges Einkreuzen; bei waagrechtem Sender wechselt es allerdings nur bei einer Tiefe von <1,6 m überhaupt in den Feinsuchmodus. Weniger zufriedenstellend performt das Tracker bei der MPV und da vor allem, wenn mehr als zwei Sender gefunden werden müssen. Im komplexen Szenario mit drei nah beieinander liegenden Sendern kommt es zu Problemen, wenn die weiteren Sender nicht innerhalb der Zeitspanne der sog. Signalunterdrückung (1 min) gefunden werden können. Eine Gruppencheck-Funktion ist nicht vorhanden – Sender müssen auf herkömmlichem Weg „gesucht“ werden.

LVS-Gerät: BCA Tracker 4
LVS-Gerät: BCA Tracker 4

Mammut Barryvox und Mammut Barryvox S (Software 3.4)

Die Bedienbarkeit der beiden Barryvox ist solide und auch für Neuanwender*innen intuitiv und schnell erlernbar; die Tastenwahl eindeutig und auch mit Handschuhen gut möglich. Bei der Reichweite zählt es zu den stärksten Geräten mit einem kleinen Unschärfebereich gleich nach Erstempfang. In der Grobsuche in beiden Szenarien gut, störte am meisten die abrupte Abnahme der Anzeigewerte im Übergangsbereich vom Fern- in den Nahbereich mit der Gefahr des Überlaufens eines Senders.

In der Feinsuche selbst eine Bank, könnte die Anzeige des Wechsels von der Grob- in die Feinsuche deutlicher hervorgehoben werden. Bei MPV benötigt das Gerät einige Zeit nach dem Markieren, bis ein weiteres Signal als eigenständig identifiziert und damit verfolgt werden kann. 180°-Grad-Fehler werden dabei zuverlässig erkannt und deutlich angezeigt. Das Aktivieren der (normalen) Gruppencheckfunktion funktioniert intuitiv, allerdings gibt es weder eine akustische Abstufung noch eine Distanzanzeige, weshalb zu überprüfende Sender deutlich voneinander entfernt sein müssen, um eine eindeutige Zuordnung sicherstellen zu können.

Zu den Unterschieden: Der Richtungspfeil des Barryvox S ist feiner abgestimmt als beim grauen Bruder. Es verfügt außerdem über einen analogen Suchmodus sowie zwei Feinsuch-Modi (Standard und klassisch), wobei bei zweiterem das gewohnte Kreuz erscheint. Bei MPV kann aus einer Liste zwischen den einzelnen empfangenen Sendern ausgewählt werden – die Markierung kann auch wieder aufgehoben werden. Ein Alleinstellungsmerkmal ist der Pro-Gruppencheck, der Frequenz sowie Periodendauer und Pulslänge misst und anzeigt – in unserem Szenario wich die gemessene Frequenz allerdings um 100 Hz von der eingestellten Sendefrequenz ab und der fehlerhafte Sender wurde so bei beiden Geräten nicht erkannt!

Ortovox Diract Voice (Testsoftware 2.0)

Das Diract Voice von Ortovox besitzt als Alleinstellungsmerkmal eine Sprachausgabe und punktet vor allem bei der Fein-suche und der Benutzerfreundlichkeit. Was die Reichweite betrifft, liegt das Gerät eher im hinteren Feld. Ein vorhandenes Signal war jedoch stets stabil und kann dank des fein nuancierten Richtungspfeils sehr gut verfolgt werden. In der Grobsuche bei waagrechtem Sender noch gut, ist das Abschneiden bei senkrechtem Sender als problematisch zu bezeichnen. Dies ist hauptsächlich der geringen Reichweite in schlechter Koppellage geschuldet. Denn übersteigt der seitliche Versatz nicht die Empfangsreichweite, so ist die Heranführung direkt und zielführend; auch auf einen auftretenden 180°-Grad-Fehler wird deutlich hingewiesen.

LVS-Gerät: Ortovox Diract Voice
LVS-Gerät: Ortovox Diract Voice

In der Feinsuche überzeugte das Diract unter allen Geräten mit exakten Werten am meisten. Auch die Sprachsteuerung ist dabei sehr hilfreich. Bei der MPV wurden weitere Sender erst recht spät angezeigt. Das Markieren selbst und das Verfolgen sind jedoch als gut zu bewerten. Beim Gruppencheck sind andere Geräte direkt zuordenbar, eine längere Periodendauer wurde erkannt nicht jedoch die fehlerhafte Frequenz.

Der neue Kippschalter mit verstecktem An-/Aus-Knopf schützt vor unbeabsichtigtem Verstellen, kann allerdings bei eingeschaltetem Gerät im Sendemodus nur durch das gelegentliche Blinken des LCD-Bildschirms auch als solches erkannt werden. Haptik und Aufmachung wirken wertig, das Display ist groß und gut ablesbar und der Verzicht auf Batterien (mit USB-C aufladbarer Li-Akku!) wohl zukunftsweisend.

Arva Evo 5 (Software 1.8.1)

Das Nachfolgemodell des Evo 4 ist ein einfaches und leichtes LVS-Gerät des französischen Herstellers Arva. Der starke Abfall der Reichweite in z-Lage ist mit ein Grund dafür, weshalb das Evo5 in der Grobsuche als problematisch einzustufen ist – selbst bei 10 m seitlichem Versatz gab es noch Probleme mit Schlangenlinien und zum Teil Signalverlusten.

LVS-Gerät: Arva Evo 5
LVS-Gerät: Arva Evo 5

In der Feinsuche ist das Ergebnis in beiden Szenarien akzeptabel, die Suchunterstützung als gut zu bewerten. Etwas störend dabei war das Vorhandensein zweier Minima und das Auftreten von Distanzsprüngen beim Drehen des Geräts. Die Anzeigewerte sind jedoch stabil und die Rechengeschwindigkeit des Chips erlauben ein zügiges Vorgehen beim Einkreuzen.

Bei der Mehrfachverschüttung zeigte das Gerät bei manchen Durchläufen eine gute, bei manchen jedoch eine ausbaufähige Performance. Sowohl das Erkennen wie auch das Markieren und Verfolgen waren (gerade noch) akzeptabel. Die Gruppencheckfunktion ist insgesamt gut gelöst und Sender aufgrund der optischen und akustischen Hilfen eindeutig zuordenbar. Der Wechselschalter ist etwas fummelig, das Gerät kann nach dem vermeintlichen Ausschalten noch eingeschaltet bleiben, sollte auf das Quittieren mit der Markier-Taste vergessen werden. Updates sind nur durch den Hersteller möglich.

Pieps Powder BT/Black Diamond Recon BT

Pieps Pro BT/Black Diamond Guide BT (alle Software 2.2)

Die Nachfolger der DSP-Reihe werden jeweils in eigenem Design, jedoch mit gleichem Innenleben von Black Diamond und Pieps angeboten. In der Grobsuche zu Beginn nicht ganz eindeutig (Hin und Her des Richtungspfeils), wird ab Anzeigewert 40 m die Heranführung jedoch sehr gut – egal ob bei senkrechtem oder waagrechtem Sender. Mehrere vorhandene Sender werden bereits deutlich vor dem Erreichen des ersten stabil angezeigt. Markierungen sind dauerhaft, jedoch benötigen die Geräte längere Zeit zum anschließenden Trennen von sich überlagernden Signalen. Etwaige 180°-Grad-Fehler müssen vom/von der aufmerksamen Anwenderin bemerkt werden. Die Geräte wechseln bei der tieferen Verschüttungen ab 1,6 m nicht mehr in den Feinsuchmodus und es gibt keine akustische Abstufung beim Näherkommen.

LVS-Gerät: Pieps und BD Recon
LVS-Gerät: Pieps und BD Recon

Bei 0,8 m Tiefe keine Probleme, offenbaren die Pieps-/Black Diamond-Geräte bei der sehr tiefen Verschüttung kleinere Schwächen: Abweichen des Anzeigewerts von der tatsächlichen Verschüttungstiefe und relativ großes Plateau des Distanzminimums. Für erfahrene Anwenderinnen sollte dies dennoch kein Problem darstellen. Die Unterschiede: Neigungsmesser, Scan-Taste für MPV-Szenarien und Kompatibilität mit Backup-Sender TX-600 (z. B. für Hunde) sind nur beim Pro/Guide vorhanden.

Black Diamond Recon LT (Software 1.2) / Pieps Micro BT Race (Software 3.2)

LVS-Gerät: Blackdiamond Recon LT
LVS-Gerät: Blackdiamond Recon LT

Laut Auskunft von Black Diamond verwenden die beiden Geräte dasselbe Innenleben, das Gehäuse sowie der Schalter sind jedoch komplett anders. Wider Erwarten waren die Werte des BD Recon LT bei der Signal-suche etwas geringer als beim Micro Race. Aufgrund des Grenzbereichs bei senkrechtem Sender geriet die Entscheidung für die richtige Seite in der Grobsuche zum Ratespiel. Entschied man sich für die korrekte Seite, wurde auch bei 25 m seitlichem Versatz ein (deswegen gerade noch) sehr gutes Ergebnis erzielt.

Im Fernbereich dürfen sich weniger Geübte nicht von den leicht hin- und herspringenden Richtungspfeilen irritieren lassen und befinden sich auf dem richtigen Weg, solange die Distanzwerte abnehmen und die gemittelte Richtung des Pfeils grob beibehalten wird; bereits nach kurzer Zeit wird man gut herangeführt.

LVS-Gerät: Pieps Micro Race BT Race
LVS-Gerät: Pieps Micro Race BT Race

In der Feinsuche zeigen beide Geräte dieselben Stärken sowie Schwächen wie auch die großen Pieps-/BD-Geräte. Nicht problematisch, aber eben auch nicht optimal. Bei der MPV reagierten die beiden kleinen Geräte etwas schneller als die größeren Geschwister aus dem Hause Pieps/BD. Beim Micro schlechter, beim Recon LT besser gelöst ist die Position des Lautsprechers, so kann ersteres unbeabsichtigt mit dem Daumen stumm gehalten werden.

Der Gruppencheck bei allen Geräten von Pieps und BD bleibt nur durch Gedrückt-Halten der Markiertaste nach dem Einschalten aktiv, die fehlerhafte Sendefrequenz wurde erkannt und war durch die Distanzanzeige direkt zuordenbar. Praktisch, die Pieps-App ermöglicht einen selbständigen Geräte-Check, Software-Updates und das Vornehmen von allgemeinen Geräteeinstellungen.


LVS-Test 2022: Die 10 Geräte im Vergleich

LVS-Testergebnisse-2022
LVS-Testergebnisse-2022

Fazit

Ein Anliegen für den Test war, ihn bei realen, winterlichen Bedingungen durchzuführen und faire, gleichbleibende Testbedingungen für alle Geräte sicherzustellen (Vergraben der Sender für jeden Durchlauf hätte jedoch den Rahmen gesprengt). Nun ist dies in der Praxis nicht so einfach; Witterungsverhältnisse (u.a. Luftfeuchte, Strahlung, Temperatur) können sich vom Beginn einer Prüfanordnung bis zum Durchführen der letzten Messung eines Gerätes etwas ändern.

Beim seitlichen Versatz wurde nicht exakt gleich oft auf beide Seiten getestet. Bekanntlich weisen LVS-Geräte – zumindest die effektive Reichweite betreffend eine „stärkere“ und eine „schwächere“ Seite auf (L-Anordnung der Antennen). Wenn erzielte Ergebnisse für ein Gerät allerdings konsistent waren, können die einzelnen Geräte dennoch passend miteinander verglichen werden. Bei der Reichweite oder dem seitlichen Versatz geht es schließlich nicht darum, ob ein Gerät 15 cm besser oder schlechter abschneidet als das andere, sondern um Größenordnungen. Entscheidend ist schließlich die Gesamtperformance in den einzelnen Kategorien und wie zuverlässig die Ergebnisse – auch für den Ernstfall – reproduzierbar sind.

Funktioniert ein Gerät bei einem Durchlauf mal so, beim nächsten aber komplett anders, muss dies im Ernstfall als problematisch betrachtet werden. Festzuhalten ist, dass bei verschiedenen Szenarien manche LVS-Geräte leistungsfähiger oder unkomplizierter als andere sind. Um sich – zumindest was den technischen Aspekt der Kameradenrettung betrifft – auf sein LVS-Gerät im „worst case“ verlassen zu können, betrachten wir es als Minimum für jeden Einzelnen, sich aus Solidarität gegenüber den Tourenkollegen ein modernes und gutes LVS zuzulegen und mitzuhaben. Ohne menschliches Zutun suchen können die Dinger allerdings immer noch nicht, also heißt es weiter praxisnah üben, üben, üben


Danksagung. Die DAV-Sicherheitsforschung möchte sich bei den Kollegen Thomas Wanner und Gebi Bendler vom ÖAV sehr herzlich für die tatkräftige Unterstützung bei den Testtagen bedanken!

Literatur

  • Genswein, M. & Eide, R. (2009): Effizienz der Kameradenrettung bei minimalem Training. In: Bergundsteigen 1/09: 40-45.)
  • Genswein, M. & Harvey, S. (2002): Statistical Analyses on Multiple Burial Situations and Search Strategies for Multiple Burials.
  • Haegeli, P., Falk, M., Brugger, H., Etter, HJ., & Boyd, J. (2011): Comparison of avalanche survival patterns in Canada and Switzerland. In: Canadian Medical Association Journal 183(7): 789-795.
  • IKAR (2009): Empfehlung REC L 0009 der Kommission für Lawinenrettung vom 24. Sept. 2009 über die Begriffe, welche die Suchphasen in einer Lawinenrettung beschreiben.
  • Procter, E., Strapazzon, G., Dal Cappello, T., Zweifel, B., Würtele, A., Renner, A., … & Brugger, H. (2016). Burial duration, depth and air pocket explain avalanche survival patterns in Austria and Switzerland. Resuscitation, 105, 173-176.
  • Rauch, S., Koppenberg, J., Josi, D. et al. (2022): Avalanche survival depends on the time of day of the accident: A retrospective observational study. In: Resuscitation 174: 47-52.
  • Schweizer, J. & Techel, F. (2017): Lawinenunfälle Schweizer Alpen. Zahlen & Fakten der letzten 20 Jahre. In: Bergundsteigen (98): 44-48.

Erschienen in der
Ausgabe #120 (Herbst 22)

bergundsteigen 120 Cover