Markus Hofbauer: Eisklettern nach einem schweren Unfall
Am 12. Februar 2017 steigen Markus Hofbauer, seine Freundin Daniela und Flo Thamer im niederösterreichischen Eisklettergebiet der Tourmäuer in die Säule des Blauen Engels (WI6-, 170m) ein. Als der Vorsteiger Flo Thamer über den Vorbei und weiter in eine Variante klettert, bricht die Eissäule innerhalb von Sekunden plötzlich zusammen. Flo Thamer kommt beim Absturz ums Leben, Markus Hofbauer überlebt schwer verletzt: eine gerissene Bauchaorta, zahlreiche Rippenbrüche, ein zertrümmertes Becken, Wirbelsäulenverletzungen und ein Schädel-Hirn-Trauma. Es folgen sechs Wochen Intensivstation, weitere Monate im Krankenhaus und eine lange Rehabilitation. Ende des Jahres muss sein rechter Arm amputiert werden.
Heute, neun Jahre später, klettert Markus Hofbauer wieder – vor allem im Eis. Ein Gespräch über ein Leben mit Einschränkungen und Schmerzen, aber auch über eine Leidenschaft, die er weiterhin auslebt.
Markus, was ist beim Unfall genau passiert?
Die etwa 30 Meter hohe Säule ist eingestürzt. Unser Vorsteiger, Flo Thamer, stürzte rund 80 Meter ab und hat das leider nicht überlebt. Ich habe ihn gesichert und stand dabei direkt vor der Eissäule. Ein kühlschrankgroßer Eisklotz hat mich getroffen – mit schweren Folgen: zehn gebrochene Rippen, ein zertrümmertes Becken, eine massive Armfraktur und viele weitere Verletzungen.

In einem sehr persönlichen Leserbrief schildert Markus Hofbauer den Unfall vom 12. Februar 2017 und seinen Versuch, dieses schwere Erlebnis zu verarbeiten. Zum Artikel
Wie bist du früher mit Risiko umgegangen?
Klettern – und besonders Eisklettern – wird in der Gesellschaft oft als Harakiri gesehen. Das ist es natürlich nicht. Es gibt klare Kriterien, nach denen man Eisfälle beurteilen kann, und natürlich Bereiche, die gefährlicher sind als andere. Aber das Risiko bleibt: Wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist, kann es einen erwischen.
Ich hatte beim Bergsteigen nie Angst zu sterben. Sterben ist leicht – das dauert im besten Fall zwei, drei Sekunden. Aber so zu überleben, wie ich jetzt dastehe, bedeutet, den Rest des Lebens mit den Folgen zu kämpfen: mit Schmerzen, mit Einschränkungen, aber auch mit der Gesellschaft. Denn eine Behinderung schränkt nicht nur einen selbst ein, sondern auch das Umfeld.
In Österreich ist man zwar versorgt, man kommt über die Runden. Aber viele Menschen können mit Behinderung nicht umgehen. Und das ist oft viel schwerer zu ertragen als die körperlichen Einschränkungen selbst.

Kannst du den Unfall heute akzeptieren?
Man hat ja keine andere Wahl. Die Einschränkungen sind teilweise schwierig, und oft wünscht man sich: ‚Wenn wenigstens dies oder jenes besser funktionieren würde …‚. Dass meine Hand fehlt, sieht jeder – aber die eigentlichen Probleme liegen woanders. Zum Beispiel in der Folge einer schweren Darmverletzung, durch die ich vieles nicht mehr vertrage. Das sind Dinge, die man von außen nicht sieht, die aber den Alltag prägen.
Schlimmer als die körperlichen Folgen ist der gesellschaftliche Umgang mit einer Behinderung.
Warum gehst du noch Eisklettern?
Warum ich das immer noch mache, ist schwer zu erklären – eigentlich ist es ja Schwachsinn. Aber ich habe so viel Herzblut in diesen Sport gesteckt. Eisklettern war immer das, was mir von allen Bergsportarten am meisten gegeben hat. Da steckt so viel Technik drin: Man sichert selbst ab, man beurteilt selbst und man ist dort, wo man als Mensch eigentlich gar nicht hin will: auf der Nordseite, im Kalten, im Unwirtlichen.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – hat mir das immer riesigen Spaß gemacht.
Jeder Tag ist anders, jedes Eis ist anders. Es ist faszinierend, was Wasser erschaffen kann: diese Formen, diese Strukturen. Eis und Schnee sind für mich einfach magisch. Und Leidenschaft, das Wort sagt’s ja schon, kommt von Leiden schaffen. Wenn man dann so einen Unfall hat, sieht man auch die Kehrseite.
Die Natur ist wunderschön, aber sie kann auch brutal sein. Und manchmal kostet sie einem sehr viel.
Leidenschaft kommt von Leiden schaffen.
Willst du mit dem Weitermachen anderen zeigen, dass es noch geht?
Nein, ich mach’s nicht, um irgendjemandem etwas zu beweisen. Ich mach’s für mich. Der Unfall hat meine Leidenschaft nicht zerstört. Mich fasziniert das Eis immer noch – die Materie selbst. Und es funktioniert auch noch. Beim normalen Klettern stoße ich oft an Grenzen, aber beim Eisklettern komme ich mit meinem kaputten Arm erstaunlich gut zurecht – vor allem mit dem Petzl Gerät. Damit kann ich wieder richtig klettern. Mit Einschränkungen, ja – aber mit deutlich weniger als bei anderen Dingen. Und das gibt mir viel zurück.

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Was ist das Besondere an dem Eisgerät?
Der große Unterschied ist die Auflage des Übergriffs. Der ist so breit, dass ich mit meinem Stumpf super reinkomme. Der Rest ist wie bei einem normalen Gerät, aber ich habe unten zusätzlich eine Schlaufe montiert, um mich festzuhalten, wenn ich nicht in den Übergriff komme.
Durch diese Form kann ich das Gerät stabil halten. Es ist dadurch für mich viel sicherer geworden. Beim alten Modell war der Übergriff zu klein und das Gerät dadurch instabil. Jetzt sind selbst kleine Hooks oder schwieriges Eis wieder möglich – das war früher undenkbar.
Markus mit dem speziell von Petzl angefertigtem Eisgerät.
Wie bist du zu dem Gerät gekommen?
Ich habe letztes Jahr ein Video von Maureen Beck gesehen. Die amerikanische Bergsteigerin klettert auch mit nur einem Arm, und Petzl hat für sie dieses Gerät entwickelt. Da hab ich mir gedacht: Das brauch ich auch. Petzl war so großzügig, mir eines nachzubauen und zu schicken.
Ist der Unfall noch oft präsent?
Jeden Tag. Wenn ich in der Früh aufstehe, tut mir der Fuß weh – irgendwas ist immer. Im Alltag habe ich gelernt, damit umzugehen. Beim Eisklettern ist das anders: da kommt die Psyche ins Spiel. Man steht wieder an dem Ort, wo man fast gestorben wäre. Sich da zu überwinden, ist schwer. Die erste Route ist oft ein Krampf, aber wenn man wieder reinkommt, dann macht’s einfach nur mehr Spaß.
Man kann alles richtig machen und trotzdem zur falschen Zeit am falschen Ort sein.

Hat sich dein Verhältnis zum Bergsport geändert?
Eigentlich nicht. Mir war immer klar, dass das, was wir machen, gefährlich ist. Die alpine Unfallstatistik spricht für sich. Man kann alles richtig machen – und trotzdem zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Ein Restrisiko bleibt immer. Man kann Menschen beibringen, grobe Fehler zu vermeiden, aber man kann das Restrisiko nie ausschalten. Und genau das hat mich damals erwischt.
Ist der Jahrestag des Unfalls, der 17. Februar, etwas Besonderes für dich?
Ja, schon sehr. Es bringt mich jedes Jahr zum Nachdenken. Ich stelle eine Kerze für den Flo auf – das gehört für mich dazu. Klar ist das schwierig, vor allem, wenn man direkt vorm Eis steht.
Manchmal denke ich mir: Mach einfach was Leichtes, lass den Rest sein. Aber so bin ich nicht – so ist kein Bergsteiger. Die Herausforderung ist das, was uns ausmacht. Wenn ich aufhören würde, dann hätte mich der Unfall genauso gut umbringen können. Ich lebe noch, also will ich auch leben.
Und für Menschen mit Behinderung ist es wichtig, rauszukommen, etwas zu tun, das Gefühl zu haben, dass noch was geht. Das ist mein Antrieb: so viel wie möglich rauszuholen, nicht daheim auf dem Sofa zu versauern.
Interview: Petzl Österreich