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Abb. 6: Im Idealfall ist der Friend weder zu groß, noch zu klein für den Riss und wird auch nicht zu tief in den Riss hineingeschoben.
22. Nov 2021 - 6 min Lesezeit

How To: Wie legt man mobile Sicherungen (Klemmkeile, Camalots und Co.) richtig?

Mobile Sicherungsmittel zu platzieren, ist nicht ganz trivial. Wie kann man das Legen üben? Wir zeigen euch einen möglichen methodischen Aufbau für den Kursbetrieb.

Wer kennt das Gefühl nicht? Zwei Meter über der letzten mobilen Sicherung kommen plötzlich ernsthafte Zweifel auf, ob der letzte gelegte Friend wirklich so „Bombe“ ist und ob der kleine Keil darunter wohl weiteres Unheil verhindern würde?!

Das Platzieren von mobilen Sicherungsmitteln, im Speziellen Friends und Klemmkeile, zählt zu den absoluten Kernkompetenzen beim Alpinklettern und sollte deshalb auch einen entsprechenden Stellenwert in der Ausbildung erhalten. Wir starten mit der richtigen Vorbereitung.

Richtige Vorbereitung

1. Gurtmanagement

In der Kletterposition tickt in der Regel die Uhr und wir haben nur begrenzt Zeit, Zwischensicherungen solide und gut zu setzen. Deshalb ist es wichtig, dass man weiß, wo sich das benötigte Material am Gurt befindet. Daher wird die linke und rechte vordere Materialschlaufe mit Friends bestückt. Jeder hat da seine eigenen Vorlieben. Eine gute allgemeine Regel ist aber, dass jede Seite mit großen und kleinen Größen ausgestattet ist und dass diese der Größe nach – vorne mit klein beginnend –geordnet sind. Auf Grund des besseren Überblicks und nachdem man auch zuerst den Friend setzt – sprich dafür einen schnellen Zugriff braucht – macht es Sinn, die Expressschlingen erst hinter den Freunden in die Materialschlaufen, also „in die zweite Reihe“ zu hängen.

Das Verwenden von farbigen Karabinern, passend zu den Schlingenbändern der Friends ist ein großer Vorteil, wenn es schnell gehen muss und wir den Überblick bewahren wollen (Abb. 1). Wer viel mit mobilen Sicherungsmitteln arbeitet, wird rasch ein geschultes Auge entwickeln und bereits vor dem Erreichen des Sicherungspunktes wissen, welche Größe am ehesten passen könnte, welche Farbe der Friend hat und wo sich dieser am Gurt befindet. Den obligatorischen Auswahlsatz Keile sowie den Klemmkeilentferner, den in der Regel jeder der beiden Kletterer mit sich führt, hängen wir ganz hinten an den Gurt.

Abb. 1: Am Beginn des Kurses erklären wir die Wichtigkeit eines richtigen Gurtmanagements.
Abb. 1: Am Beginn des Kurses erklären wir die Wichtigkeit eines richtigen Gurtmanagements.

2. Die richtige Mischung

Meist führen wir beim Alpinklettern einen Satz Friends (z. B. BD #0,3 bis #2 – also 6 Stück – wobei auch die ein oder andere Größe mal doppelt am Gurt hängen darf) mit. Das bedeutet, dass wir nur eingeschränkte Möglichkeiten zum Verwenden der Größen haben. Beim Setzen von mobilen Sicherungsmitteln ist es deshalb ein wenig wie beim Kartenspielen: Wir verschießen nicht unser ganzes Pulver am Beginn, sondern planen und taktieren. Oft sind offensichtliche Sicherungspunkte bereits gut sichtbar, wie z. B. der markante – Riss etc. Das erleichtert uns das Finden der richtigen Strategie, wann und wo wir idealerweise gut und sicher die Placements setzen können (Abb. 2). Klemmkeile verwenden wir gern an Stellen, wo man gut legen kann und genügend Zeit hat. Wenn´s schnell gehen muss, dann ist man mit dem Setzen von Friends klar im Vorteil. Zudem vertragen Friends den Zug nach oben – z. B. hervorgerufen durch das Seil – besser als Keile.

Abb. 2:  Mit vorausschauendem Klettern planen wir die Sicherungspunkte.
Abb. 2: Mit vorausschauendem Klettern planen wir die Sicherungspunkte.

3. Helm – nie ohne!

Beim Kursbetrieb sind wir beim selbst Absichern auch im Klettergarten immer mit Helm unterwegs. Nein, wir erwarten dann nicht mehr Steinschlag aber die Chance, dass sich die letzte Zwischensicherung beim Sturz löst und wir durch den Impuls umgedreht werden und Kopf nach unten stürzen ist beim „Tradklettern“ viel größer.

4. Ganz oder gar nicht

Ein letzter Tipp, bevor wir zum Übungsaufbau weitergehen. Gelegte Zwischensicherungen müssen auch richtig gelegt werden. Die Größe des Friends/Keils, Setzwinkel und Felsqualität müssen passen (Abb. 3). Ein fester Ruck am Klemmkeil fixiert diesen entsprechend. Alibisicherungen und schlampiges Setzen haben keinen Platz beim Alpinklettern!

Abb. 3: Gut und schlecht! Ein und derselbe Riss, aber zwei verschiedene Positionen: Oben passend, unten ist der Friend zu weit „ausgefahren“. So hält er nicht!
Abb. 3: Gut und schlecht! Ein und derselbe Riss, aber zwei verschiedene Positionen: Oben passend, unten ist der Friend zu weit „ausgefahren“. So hält er nicht!
Abb. 4: Idealer Keil-Riss
Abb. 4: Idealer Keil-Riss

Kursbetrieb „Tradklettern“

Beim Kletterkurs hat sich ein dreistufiger Aufbau bewährt:

1. Intensives Trockentraining am Wandfuß

Wir nehmen uns genug Zeit und jeder Teilnehmer verbaut für sich etliche Friends und Keile (Abb. 4). In der Gruppe beurteilen wir anschließend gemeinsam die einzelnen Placements und besprechen in diesem Zuge auch die kritischen Faktoren beim Setzen von mobilen Sicherungsmitteln. Die häufigsten Fehler: 1.) Der Friend wird zu groß für den Riss gewählt. Das heißt die Segmente sind am Anschlag und der Friend lässt sich nur mehr schwer entfernen. 2.) Der Friend wird zu tief in den Riss hineingeschoben und lässt sich ebenfalls nur schwer wieder entfernen (Abb. 5). 3.) Der Friend oder Keil wird in einem Riss zwischen einer fragwürdigen Schuppe und gewachsenem Fels gelegt.

Abb. 5: Am Wandfuß können wir bei intensivem Trockentraining lernen, wie man richtig mobile Sicherungen legt.
Abb. 5: Am Wandfuß können wir bei intensivem Trockentraining lernen, wie man richtig mobile Sicherungen legt.
Abb. 6: Im Idealfall ist der Friend weder zu groß, noch zu klein für den Riss und wird auch nicht zu tief in den Riss hineingeschoben.
Abb. 6: Im Idealfall ist der Friend weder zu groß, noch zu klein für den Riss und wird auch nicht zu tief in den Riss hineingeschoben.

Häufig wird dieser Kursteil auch gleich mit dem Standplatzbau verbunden, da sich die beiden Themen wunderbar ergänzen (Abb. 6). Achtung: Beim Testen der Placements bzw. der Standplätze immer seitlich vom eigenen Kopf anreißen und darauf achten, dass sich niemand in der möglichen Flugbahn des Keils oder Friends befindet (Abb. 7).

Abb. 7: Trockentraining Standplatzbau.
Abb. 7: Trockentraining Standplatzbau.
Abb. 8: Anschließend wird der Standplatz auf Herz und Nieren geprüft. Achtung auf die Köpfe der Teilnehmer und den eigenen beim (intensiven) Testen der Sicherungen.
Abb. 8: Anschließend wird der Standplatz auf Herz und Nieren geprüft. Achtung auf die Köpfe der Teilnehmer und den eigenen beim (intensiven) Testen der Sicherungen.

2. Topropeklettern im Klettergarten

Im Klettergarten wählen wir zwei oder drei Klettertouren in einem der Gruppe angepassten Schwierigkeitsgrad. Im Zweifel eher etwas einfacher, da es ja um das richtige Setzen und nicht um das Klettern geht. Die Routen werden im Anschluss mit einem Topropeseil ausgestattet. Pro Kletterroute sind drei Personen notwendig, da es immer einen Sicherer am Topropeseil und ein Kletterpaar benötigt. Geklettert werden die Routen nun ausschließlich mit Friends und Keilen wobei das Topropeseil nur als Backup dient (Abb. 8). Beim Ablassen bietet sich die Möglichkeit, die einzelnen Zwischensicherungen zu testen indem wir erst moderat und dann etwas weiter in die Sicherung stürzen – immer zusätzlich gesichert mit dem Topropeseil (Abb. 10). Achtung: Bei den ersten drei Sicherungen verzichten wir auf diesen Test, da trotz Toprope-Sicherung die Gefahr eines Bodensturzes durch die Seildehnung zu groß ist!

Abb. 9: Für die Übung benötigt man zwei Personen: Einer sichert den Kletterer und zusätzlich dient eine Toprope-Sicherung als Backup. So kann die Route im „Vorstieg“ ausschließlich mit mobilen Zwischensicherungen selbst abgesichert werden.
Abb. 9: Für die Übung benötigt man zwei Personen: Einer sichert den Kletterer und zusätzlich dient eine Toprope-Sicherung als Backup. So kann die Route im „Vorstieg“ ausschließlich mit mobilen Zwischensicherungen selbst abgesichert werden.
Abb. 10: … und ein gutes Auge für die richtige Größe entwickelt werden.
Abb. 10: … und ein gutes Auge für die richtige Größe entwickelt werden.
Abb. 11: Gesichert im Toprope als Backup (mit genügend Schlappseil), können wir anschließend die Zwischensicherungen testen.
Abb. 11: Gesichert im Toprope als Backup (mit genügend Schlappseil), können wir anschließend die Zwischensicherungen testen.

3. Vorstieg Im Klettergarten

In der letzten Phase können Kletterrouten im Klettergarten im Vorstieg und ohne zusätzliche Toprope-Sicherung selbst abgesichert werden. Die vorhandenen Haken werden dabei aber verwendet. Dazwischen wird so viel wie möglich mit mobilen Zwischensicherungen gearbeitet. Wichtig bei diesem letzten Schritt ist das ständige Feedback des Ausbilders oder Seilpartners über die Qualität der gelegten Sicherungen (Abb. 11). Diese können ebenfalls durch Hineinsetzten oder moderates Hineinstürzen, wenn sich knapp unterhalb ein Bohrhaken befindet, getestet werden. Achtung: Auch diese Tests mindestens erst ab dem dritten Bohrhaken durchführen.

Abb. 12: Zum Abschluss der Übungsreihe können die Skills nun rein im Vorstieg – ohne Toprope-Sicherung, aber mit Bohrhaken als Backup – verbessert werden.
Abb. 12: Zum Abschluss der Übungsreihe können die Skills nun rein im Vorstieg – ohne Toprope-Sicherung, aber mit Bohrhaken als Backup – verbessert werden.

Erschienen in der
Ausgabe #116 (Herbst 21)

bergundsteigen 116 (herbst 2021) cover