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Hängesyndrom: Warum freies Hängen tödlich sein kann

Ein Griff bricht aus, der Vorsteiger stürzt und hängt frei ohne Felskontakt in seinem Gurt. Da es dauern kann, bis die Luftrettung eintritt, besteht die Gefahr, ein Hängesyndrom zu entwickeln. Warum das freie Hängen im Gurt tödlich sein kann und was Kletterer dagegen tun können.

Plötzlich, noch vor dem ersten Haken, bricht dem Vorsteiger der Griff aus und er stürzt mit reichlich Schlappseil in den Stand. Der Sichernde kann den Sturz halten und informiert sich erschrocken sofort nach dem Zustand des gestürzten Vorsteigers. Dieser hängt frei ohne Felskontakt in seinem Gurt und klagt über stärkste Schmerzen in der rechten Schulter. Der Sichernde setzt umgehend einen Notruf ab, da an ein gemeinsames Abseilen auf Grund der starken Schmerzen nicht zu denken ist. Nach circa zehn Minuten erhält er einen Rückruf und es wird erklärt, dass eine Rettung eingeleitet ist, die Ankunft des Hubschraubers allerdings bis zu einer Stunde dauern kann. 

Ein solches Szenario kann jeden Kletterer im alpinen Terrain treffen. In einer derartigen Situation besteht die Gefahr, ein sogenanntes „Hängesyndrom“ (engl. suspension syndrome) zu entwickeln. 

Was ist ein Hängesyndrom?

Das Hängesyndrom beschreibt ein durch bewegungsloses, annähernd vertikales freies Hängen in einem Anseilgurt induziertes Kreislaufversagen. 

Erste Anzeichen

Erste Symptome sind meist Zeichen einer drohenden Bewusstlosigkeit wie Übelkeit, Ängstlichkeit, visuelle Wahrnehmungsstörungen (z.B. Lichtblitze, „Schwarzwerden“ vor Augen), Schwindel, Schwitzen und Blässe. Rasch kann eine Bewusstlosigkeit auftreten und im schlimmsten Fall kann das Hängesyndrom zum Herzstillstand und zum Tod führen. 

In der deutschsprachigen Literatur findet sich üblicherweise der Begriff „Hängetrauma“, wobei der Begriff Trauma in diesem Zusammenhang irreführend ist, da der Patient nicht zwingend eine mechanische Verletzung (Trauma) aufweisen muss. Daher erscheint – ähnlich dem Englischen „suspension syndrome“ – der Begriff „Hängesyndrom“ richtiger, um diesen Symptomkomplex zu beschreiben und sollte zukünftig verwendet werden. Von einem Hängesyndrom betroffen sein können alle Personen, die eine seilgesicherte Tätigkeit durchführen, vor allem (Industrie)Kletterer, Bergsteiger, Höhlengänger, Paraglider und seilgesicherte Arbeiter.

Ob beim Alpinklettern, auf Hochtour, beim Paragliden oder beim Industrieklettern: das Hängesydrom kann alle Personen mit seilgesicherter Tätigkeit treffen. Foto: argonaut.pro/paulitrenkenwalder.com
Ob beim Alpinklettern, auf Hochtour, beim Paragliden oder Industrieklettern: Ein Hängesydrom kann alle Personen mit seilgesicherter Tätigkeit treffen. Foto: argonaut.pro/paulitrenkenwalder.com

Warum das Hängen im Gurt so gefährlich sein kann

Die genaue Ursache des Hängesyndroms wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Verschiedene experimentelle Studien und Hängeversuche konnten aber in den letzten Jahren Einsicht in die Genese des Hängesyndroms geben.

Ursächlich für das Versterben ist im Wesentlichen eine generalisierte Minderdurchblutung des Körpers, welche ein Multiorganversagen verursacht. Vor allem zwei Mechanismen scheinen bei der Entwicklung eines Hängesyndroms eine relevante Rolle zu spielen. 

  1. Zum einen kommt es schwerkraftbedingt zu einer Ansammlung von Blut in den Venen der herabhängenden Körperpartien, vor allem in den Beinen. Dies verstärkt sich durch eine verminderte Muskelaktivität, beispielsweise bedingt durch Erschöpfung, Unterzuckerung, Schmerzen, Verletzungen, Unterkühlung oder eingetretener Bewusstlosigkeit. Das wiederum kann zu einer Minderdurchblutung und damit Schädigung verschiedener Organe führen.
  2. Aktuellere Studien lassen jedoch vermuten, dass die Hauptursache einer eintretenden Bewusstlosigkeit eine sogenannte vasovagale Reflexantwort zu sein scheint, welche durch einen plötzlichen Abfall von Herzfrequenz und Blutdruck charakterisiert ist. Dadurch kommt es zu einer Minderdurchblutung und Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff, was wiederum zu einer Bewusstlosigkeit führt. Zudem kommt es zu einer Erschlaffung sämtlicher Muskeln, sodass bei einem am Seil fixierten, bewusstlosen Patienten der Anseilpunkt der höchste Punkt ist. 
Bogenförmige Hängeposition, die einen Blutrückfluss aus den Beinen massiv einschränkt, wodurch eine Minderdurchblutung des Gehirns nicht aufgehoben werden kann. Foto: argonaut.pro/paulitrenkwalder.com

Durch diese „bogenförmige“ Position (Foto oben) ist ein Rückfluss von Blut aus den Beinen sehr eingeschränkt und die Minderdurchblutung des Gehirns kann nicht aufgehoben werden. 

Bei ausreichend langer Hängedauer kann diese Position zum Versterben des Patienten führen.

Der Zeitpunkt bis zum Eintreten dieser vasovagalen Reflexantwort unterliegt individuellen Unterschieden und kann im Extremfall nur einige Minuten betragen. Ebenso ist die Zeitspanne zwischen dem Auftreten erster Symptome und einer eintretenden Bewusstlosigkeit sehr individuell und kann im schlechtesten Fall weniger als eine Minute betragen.

Überlebenskritische Prozesse des freien Hängens

  • Bei einem am Seil fixierten Bewusstlosen kann es zu einem schwerkraftbedingten Abknicken des Kopfes und damit zu einer Verlegung des Atemwegs mit möglicher Todesfolge kommen. 
  • Eine allgemeine Minderdurchblutung des Gewebes führt zu einer Zellschädigung und damit zur Bildung von schädlichen Abbauprodukten.
  • Die Stauung von Blut in den Beinvenen, eine mögliche Unterkühlung sowie exzessive Muskelarbeit aufgrund von Selbstrettungsversuchen begünstigen eine Zellschädigung, insbesondere der Muskelzellen und damit ein Multiorganversagen.
  • Zudem kann es durch einen starken Anstieg des Blutkaliumwertes in Folge der Zellschädigung zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen kommen.

Wie man sich schützen kann: fünf Präventionsmaßnahmen

1. Selbst- oder Kameradenrettung
Grundsätzlich gilt, dass die freie Hängezeit so kurz wie möglich gehalten werden sollte. Dies verlangt eine möglichst schnelle Selbst- oder Kameradenrettung. Voraussetzung dafür ist, dass die hängende Person über Selbstrettungsfertigkeiten verfügt und auch das dafür notwendige Material mit sich führt (Reepschnur, Bandschlinge, Klemmgerät etc.). 

Sollte die hängende Person allerdings nicht in der Lage sein, sich selbst zu retten, gilt es der Entwicklung eines Hängesyndroms so gut als möglich vorzubeugen, bis eine Rettung durch Kameraden oder die organisierte Rettung erfolgen kann. 

2. Aktives bewegen an der Wand
Um die Ansammlung von Blut in den Beinvenen zu reduzieren, sollte die hängende Person die Beine aktiv bewegen, z.B. durch „Luftfahrrad fahren“ oder Hochdrücken der Beine an einer erreichbaren Fels-, Spalten- oder Gebäudewand. 

3. Trittschlinge beim freien Hängen
Beim freien Hängen kann durch Nutzung einer selbst angebrachten Trittschlinge die Muskelpumpe unterstützt werden (Galeriebild I). 

4. Widerstand mit Seil
Ist der Verletzte dagegen nicht am Seilende fixiert, so kann er durch zweifache Wicklung des herabhängenden Seiles um den eigenen Fuß gegen den Widerstand des Seiles das Bein ausstrecken und seinen Körper hochdrücken. Das nicht umwickelte Bein kann zusätzlich auf dem anderen Fuß abgestützt werden. Durch die Aktivität in der Beinmuskulatur wird das Blut in den Venen nämlich in Richtung Herz gepumpt („Muskelpumpe“). 

5. Angehobene Beine
Eine Verbesserung des venösen Rückflusses aus den abhängenden Körperpartien kann auch durch Anheben der hängenden Beine durch einen Retter oder das Anbringen einer (Band)Schlinge in den Kniekehlen erreicht werden (Bild unten).

Wenn die Person bewusstlos ist

Ist die hängende Person nicht in der Lage, sich selbst zu retten und kann sie sich auch nicht aktiv bewegen, sei es wegen Erschöpfung, Verletzungen, Schmerzen, Unterzucker, Unterkühlung oder Bewusstlosigkeit, muss es Ziel der Begleitperson sein, die hängende Person so schnell als möglich aus dem Seil zu befreien und an einen Ort zu bringen, an dem sie flach gelagert werden kann. Somit gilt, dass beim Hängesyndrom – ähnlich der Lawinenrettung – die Selbst- und Kameradenrettung die wichtigsten Glieder in der Überlebenskette sind und hinsichtlich ihres Einflusses auf das Überleben deutlich höher einzustufen sind als die organisierte professionelle Rettung. 

Tipp: Beim Kauf eines Klettergurts sollte darauf geachtet werden, dass dieser ideal zu den Körperproportionen passt und ein möglichst schmerzfreies Hängen erlaubt. Durch einen passenden und optimal eingestellten Gurt können Schmerzen bei langem Hängen reduziert werden und somit eine dadurch verminderte Bewegungsfähigkeit verhindert werden.

Eine Gefäßkompression der großen Beingefäße in der Leistengegend findet durch korrekt angelegte und auf die Körperproportionen richtig angepasste moderne Hüftgurte, wie sie im Bergsport üblicherweise verwendet werden, nicht statt. Hüftgurte mit breiten Bein- schlingen sind solchen mit schmalen vorzuziehen, wobei der Hängekomfort auch erheblich vom Schnitt und der (Material-)Konstruktion abhängt. 

Bei längerem freiem Hängen sollten Rucksäcke vom Rücken genommen und beispielsweise am Anseilpunkt befestigt werden, um ein möglichst kraftsparendes Hängen zu ermöglichen.

Erste Hilfe bei der (professionellen) Rettung

Ist es nun trotz aller Vorkehrungsmaßnahmen zu einem Sturz mit folgendem freien Hängen gekommen und ein Bergrettungseinsatz in vollem Gange, sollten seitens der (professionellen) Rettungskräfte einige Aspekte beachtet werden:

  • Naturgemäß befinden sich Patienten, die ein Hängesyndrom erlitten haben, meist in absturzgefährdetem Gelände. Der Eigenschutz der Rettungskräfte hat damit höchste Priorität.
  • Solange der Patient bei Bewusstsein ist, sollte er von den Rettungskräften dazu angehalten werden, die Muskelpumpe, wie oben beschrieben, zu aktivieren.
  • Ist der Patient handlungsunfähig, sollte die erste Person, die ihn erreicht, seine Beine in eine möglichst horizontale Position anheben. Zudem sollte beim bewusstlosen Patienten durch ein Über- strecken des Kopfes ein freier Atemweg gewährleistet werden.
  • Ist der Patient erst einmal aus der Wand befreit, sollte er unverzüglich flach gelagert werden und eine Untersuchung nach dem international gängigen C-ABCDE-Algorithmus erfolgen (siehe „Notfall Alpin“ in bergundsteigen #102)
  • Eine EKG-Überwachung ist aufgrund des erhöhten Risikos von Herzrhythmusstörungen so früh wie möglich zu etablieren (Gefahr erhöhter Blutkaliumwerte). Auftretende Herzrhythmusstörungen sollten gemäß den aktuell gültigen Leitlinien behandelt werden.
  • Ein AED (automatisierter externer Defibrillator, siehe bergundsteigen #101) sollte unbedingt zum Einsatzort mitgebracht werden.
  • Bei Vorliegen einer Reanimationssituation sollten schnellst möglichst die Standard-Reanimationsmaßnahmen durchgeführt werden (siehe bergundsteigen #100).
  • Erweiterte Maßnahmen zur Behandlung eines erhöhten Blutkaliumwertes haben für professionelle Rettungskräfte einen wichtigen Stellenwert.
  • Bei längeren Hängezeiten sollten zudem Infusionslösungen intravenös verabreicht werden, um einem Nierenversagen durch Zellzerfallsprodukte vorzubeugen.
  • Befand sich der Patient mehr als zwei Stunden in hängender Position, sollte die Zielklinik über ein Nierenersatzverfahren verfügen.
  • Zudem sollte auf die Prävention und Behandlung einer möglichen Unterkühlung großer Wert gelegt werden.

Das Wichtigste im Überblick

Das Hängesyndrom ist potentiell lebensbedrohlich!

Hauptrisiken während des Hängens
Kreislaufversagen und Atemwegsverlegung

Hauptrisiken nach der Patientenrettung

  • Herzrhythmusstörungen
  • Unterkühlung
  • Nierenschädigung
  • Eigenschutz steht immer an erster Stelle!

Prävention

  • Seilgesicherte Tätigkeiten nicht allein durchführen. Eine schnelle (Selbst)Rettung ist von höchster Bedeutung.
  • Aktivierung der Muskelpumpe (Beinbewegung, Abdrücken gegen Widerlager). Beim Hängen möglichst horizontale Position einnehmen, ggf. mit Hilfsschlingen
  • Optimale Anpassung des Gurtsystems

Behandlung
Flachlagerung nach Rettung; Standard ist der C-ABCDE-Algorithmus

Erschienen in der
Ausgabe #108